Warum wir länger arbeiten müssen

SPD-Präsidiumsmitglied Andrea Nahles ist Literaturwissenschaftlerin, spricht aber oft über Wirtschaft. Ihre Thesen stimmen nicht
Autor/en
Hans-Werner Sinn
Welt am Sonntag, 14.11.2004

Warum gibt es mehr Jobs, wenn wir länger für das gleiche Geld arbeiten? Haben nicht die Gewerkschaften recht, die sagen, daß die Unternehmen dann die gleiche Arbeit mit weniger Leuten erledigen können und die überflüssigen Arbeiter entlassen werden?

Sie haben nicht recht. Wenn länger gearbeitet wird, steigt die Produktivität des einzelnen Arbeitnehmers. Da die Lohnkosten pro Kopf nicht steigen, lohnt es sich für den Unternehmer, mehr Leute einzustellen. Bei der alten Arbeitszeit gab es Arbeiter, die vor den Werktoren blieben, weil sie dem Unternehmer nicht ganz das liefern konnten, was sie kosten. Viele dieser Arbeitnehmer werden für den Unternehmer rentabel, weil sie wegen der längeren Arbeitszeit nun mehr liefern, als sie kosten. Sie werden eingestellt, weil es dem Unternehmer auf diese Weise gelingt, seinen Gewinn noch mehr zu steigern, als es bereits durch die Mehrarbeit der Stammbelegschaft der Fall ist.

Manchmal wird argumentiert, es sei theoretisch unklar, ob die Beschäftigung steigt. Einerseits führe die Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich zu niedrigeren Lohnkosten pro Stunde. Das vergrößere die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitsstunden. Andererseits würden ja mehr Stunden angeboten. Es sei unbewiesen, daß der Nettoeffekt positiv sei, daß also die zusätzliche Nachfrage nach Stunden das Angebot übersteige.

Diese Befürchtung ist unbegründet. Wenn man auf die Zahl der Menschen statt auf die Stunden blickt, zeigt sich sofort, daß es zu einer Beschäftigungsausweitung kommen wird.

Eine Ausweitung der Arbeitszeit ist im Wirtschaftsablauf exakt dasselbe wie ein technischer Fortschritt, der die Produktivität eines jeden einzelnen Menschen bei gleicher Arbeitzeit erhöht. Wer argumentiert, daß eine Arbeitszeitverlängerung zu Problemen führt, muß argumentieren, daß der technische Fortschritt es auch tut. Man kann nicht einerseits Innovationen fordern, die die Produktivität der Arbeit vergrößern, um so Deutschlands Arbeitsplätze zu erhalten, und andererseits eine Arbeitszeitverlängerung mit dem Argument ablehnen, daß sie zu Entlassungen führen. Beide Positionen widersprechen einander.

In ihrem Kern ist die Befürchtung des Arbeitszeitabbaus nach einer Arbeitszeitverlängerung so alt wie die Befürchtung, daß technischer Fortschritt Arbeitsplätze vernichtet. Diese Befürchtung wurde schon bei den Weber-Aufständen im neunzehnten Jahrhundert gehegt. Sie hat sich aber nicht bewahrheitet. Der Kapitalismus hat den technischen Fortschritt der letzten zweihundert Jahre statt in eine Massenarbeitslosigkeit in eine gewaltige Erhöhung des Lebensstandards umgemünzt.

Auch die Verlängerung der Arbeitzeit wird eine solche Erhöhung des materiellen Lebensstandards mit sich bringen (was dem Verlust an Freizeit und dem damit verbundenen Nutzenverlust nicht entgegensteht). Außer in Bereichen, wo bereits in drei Schichten gearbeitet wird, können die Maschinenlaufzeiten erhöht werden, und die Ausnutzung der vorhandenen Gebäude kann verbessert werden. Es ist, als ob der liebe Gott die Mehrarbeit mit einer Erhöhung des Kapitalstocks der Volkswirtschaft belohnt. Das Resultat ist eine prozentuale Erhöhung des Sozialprodukts fast bis zur Höhe des Prozentsatzes der Arbeitzeitausweitung. Ein gewaltiger Wachstumsschub ist die Folge.

Aber der Leser mag sich fragen, wo die Nachfrage für den Absatz der durch Mehrarbeit erzeugten Mehrproduktion herkommen soll. Nun, sie kommt aus zwei Quellen. Zum einen fallen wegen der höheren Produktivität der Arbeiter die Stückkosten der Produktion. Das erlaubt es den Unternehmen, ihre Waren und Leistungen billiger abzugeben. Zu niedrigeren Preisen ist die Nachfrage höher.

Zum anderen erzeugt das zusätzliche Angebot an Waren die Nachfrage selbst. Eine Marktwirtschaft ist eine Tauschwirtschaft. Wer etwas anbietet, fragt zugleich etwas anderes nach. Im Konkreten wird der Unternehmer, dessen Gewinne wegen der Ausweitung der Arbeitzeit steigen, mehr andere Güter und Leistungen nachfragen. Er wird diese Gewinne nicht wie Dagobert Duck als Geldbestände horten, sondern sie verwenden, um sie für Konsumgüter oder Investitionsgüter zu verausgaben. Eventuell wird er sie auch am Kapitalmarkt anlegen, was dann andere Firmen in die Lage versetzt, mehr Investitionsgüter zu kaufen. Jedenfalls entsteht bis auf den letzten Cent genauso viel Kaufkraft, wie an zusätzlichen Waren und Leistungen erzeugt wird.

Im Prinzip ist davon auszugehen, daß die Nachfrage durch die Verlängerung der Arbeitszeit gerade um so viel steigt, wie es das Angebot tut. Nur Strukturverschiebungen zwischen Mehrnachfrage und Mehrangebot können auftreten. Solche Strukturverschiebungen führen zu einer Änderung der Preisstrukturen, die die Nachfragestruktur der Angebotsstruktur dann wieder anpaßt, doch nicht zu systematischen Preissenkungseffekten.

Damit viele Unternehmen einen substantiellen Nachfrageeffekt spüren, ist es sinnvoll, daß sie alle ihre Arbeitszeit gleichzeitig ausdehnen. Auf das durchschnittliche Unternehmen kommt dann gerade so viel an zusätzlicher Nachfrage zu, wie es mehr produziert. Deshalb sollte sich die Politik nicht scheuen, dieses Thema anzugehen und eine konzertierte Aktion aller Beteiligten mit dem Ziel einer allgemeinen Ausweitung der Arbeitszeit in die Wege leiten. Flexible Lösungen sind in diesem Fall weniger gefragt.

- Seit 1999 leitet Professor Hans-Werner Sinn, 56, das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Zudem ist er Direktor des Center for Economic Studies (CES) der Ludwig-Maximilians-Universität München